Das südwestsächsische Handwerk zeigt sich im Frühjahr 2026 unerwartet robust, steuert jedoch auf ein massives, strukturelles Investitions- und Personalproblem zu. Das ist das Ergebnis der Frühjahrskonjunkturumfrage, an der sich 703 Handwerksbetriebe im Kammerbezirk beteiligt haben. Der zentrale Geschäftsklimaindex klettert verhalten auf 105,7 Punkte nach 99,5 Punkten im Vorjahreszeitraum. Diese positive Entwicklung wird von einer spürbaren Erholung der aktuellen Geschäftslage getragen, deren Saldo von +1 auf +14 Punkte anzieht. Demgegenüber stehen jedoch anhaltend pessimistische Erwartungen für die kommenden Monate.
Handwerkskammerpräsident Frank Wagner dazu: „Hinter den nackten Zahlen verbirgt sich eine paradoxe wirtschaftliche Situation. Man könnte es salopp zusammenfassen mit den Worten: ‚Die aktuelle Lage ist hui, die Erwartung für die Zukunft bleibt pfui‘. Wir erleben derzeit zwar eine Markt- und vordergründig jedoch vor allem eine handfeste Vertrauenskrise, ausgelöst durch die sprunghafte Politik in Berlin und Dresden. Wer essentielle Förderungen, wie zum Beispiel die ‚Bundesförderung für effiziente Gebäude‘ oder das Programm ‚Regionales Wachstum‘, über Nacht streicht, darf sich über Vertrauensverlust und Investitionsverweigerung im Mittelstand nicht wundern. Uns wird von der Politik das ‚Hüh-und-Hott‘ diktiert: Wir sollen die Wärmewende oder die Digitalisierung auf Baustellen, in den Büros und Wohnungen umsetzen, aber die verlässlichen Förderungen und bürokratischen Entlastungen werden im selben Atemzug zusammengestrichen. Wir brauchen endlich wieder Verlässlichkeit statt politischer Taktiererei.“
Zu den detaillierten Umfrageergebnissen:
Geopolitische Krisen belasten die Rahmenbedingungen
Die wirtschaftliche Erholung vollzieht sich in einem extrem schwierigen Umfeld. Neben dem andauernden Russland-Ukraine-Krieg belastet seit dem Frühjahr der Konflikt zwischen den USA und dem Iran die Märkte. Die Folge sind deutlich gestiegene Energiepreise, insbesondere bei Benzin und Diesel, Gas und Heizöl.
Fast acht von zehn Betrieben klagen über gestiegene Beschaffungskosten. Diese immensen Belastungen können die Handwerker nur unvollständig an ihre Kunden weitergeben – dennoch melden bereits 41 Prozent der Betriebe gestiegene Verkaufspreise, verglichen mit 49 Prozent im Vorjahresfrühjahr.
Der Bau rettet die Gesamtbilanz – Große Unterschiede in den Gewerken
Sowohl die Bauhauptbetriebe als auch die Ausbaugewerke verzeichnen spürbare Verbesserungen bei der Auftragslage. „Der Bau rettet uns in diesem Quartal die Gesamtbilanz“, ordnet Kammerpräsident Frank Wagner die Zahlen ein.
Die Erholung spiegelt sich direkt in der Kapazitätsgrenze wider: Über alle Gewerke hinweg melden 65 Prozent der Unternehmen eine Auslastung von 80 Prozent und mehr. Fast die Hälfte aller Betriebe – exakt 45,8 Prozent – arbeitet sogar an der Kapazitätsgrenze von 90 Prozent und mehr. Ein Handwerksbetrieb im Kammerbezirk Chemnitz hat aktuell ein Auftragspolster von durchschnittlich 11,6 Wochen, was eine halbe Woche mehr als im Vorjahresfrühjahr ist. Im reinen Bauhauptgewerbe liegt dieser Wert sogar bei stolzen 17 Wochen, nach 15 Wochen im Vorjahr.
Ganz anders sieht es in den übrigen Branchen aus: Die Kfz-Betriebe melden eine rückläufige Geschäftslage. Das Lebensmittelhandwerk hat sich auf niedrigem Niveau eingependelt. Handwerke für den gewerblichen Bedarf leiden unter der Investitionszurückhaltung der Industrie und verzeichnen einen negativen Umsatzsaldo von minus 33 Prozentpunkten. Gleichzeitig spüren das Gesundheitsgewerbe sowie die Kunsthandwerker die deutliche Kaufzurückhaltung der Verbraucher.
Alarmsignal Investitionsstau: Staatliche Förderkürzungen blockieren die Betriebe
Das Investitionsverhalten der Betriebe hat einen kritischen Tiefpunkt erreicht. Kammerpräsident Wagner findet hierzu deutliche Worte: „Kreditfinanzierungen sind zwar wieder ein kleines Stück günstiger geworden, aber der Staat streicht gleichzeitig Förderprogramme zusammen. Gepaart mit der diffusen Angst vor den Energiepreisen führt das zu einer massiven Blockade bei unseren Unternehmern. Gerade einmal 8 Prozent der Betriebe planen, im nächsten Quartal mehr zu investieren. Demgegenüber steht eine große Gruppe von 41 Prozent der Betriebe, die ihre Investitionen aktiv einfrieren oder drastisch kürzen wollen. Das ist ein Alarmsignal! Unsere Betriebe wissen genau, dass sie in regenerative Energien investieren müssen, um von Gas und Öl unabhängig zu werden. Sie wissen, dass sie die Digitalisierung brauchen, um dem Personalmangel zu trotzen. Doch fast die Hälfte bremst sich aus, um Liquidität zu sichern. Uns droht im sächsischen Handwerk ein gefährlicher, dauerhafter Innovationsstau.“
Arbeitsmarkt: Trügerische Stabilität und demografischer Wandel
Auf den ersten Blick meldet der Arbeitsmarkt solide Zahlen: 76 Prozent der Betriebe im Bezirk halten ihre Belegschaften stabil. „Das Handwerk entlässt nicht voreilig, unsere Meister kämpfen um jeden einzelnen Mitarbeiter“, betont Wagner. Doch der Präsident warnt davor, die Augen vor der Realität zu verschließen: „Die Wahrheit ist auch: 16 Prozent der Betriebe mussten über den vergangenen Winter hinweg wegen anhaltender wirtschaftlicher Herausforderungen Personal abbauen. Und das viel größere, strukturellere Problem steht uns erst noch bevor. Der demografisch bedingte Rückgang unserer Personalbestände ist unaufhaltsam im Gange. Die trügerische Stabilität bei 76 Prozent der Unternehmen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir eine radikale Kehrtwende in der gesellschaftlichen und politischen Wertschätzung der beruflichen Bildung brauchen.“
Einen echten Lichtblick sieht der Kammerpräsident jedoch beim Handwerksnachwuchs: „Umso wichtiger ist der Blick auf den Nachwuchs: Unsere aktuellen Ausbildungszahlen zeigen, dass die Attraktivität der dualen Ausbildung im südwestsächsischen Handwerk ungebrochen ist. Die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge im Kammerbezirk bewegt sich im Vorjahresvergleich auf einem stabilen, in einigen technischen Gewerken sogar leicht steigenden Niveau. Junge Menschen und deren Eltern erkennen wieder verstärkt, dass das Handwerk krisenfeste Arbeitsplätze mit echter Sinnstiftung bietet. Das Problem ist also nicht das mangelnde Interesse der Jugend, sondern das schrumpfende Potenzial an Schulabgängern. Um diesen demografischen Wandel abzufedern, dürfen wir uns auf den stabilen Lehrvertragszahlen nicht ausruhen. Wir brauchen eine noch massivere, strukturelle Ausbildungsoffensive.“
Zusammenfassend erklärt Präsident Wagner zum Thema Beschäftigung: „Auf den ersten Blick erleben wir eine trügerische Ruhe am Arbeitsmarkt: 76 Prozent unserer Betriebe halten ihre Belegschaften stabil, weil unsere Meister um jeden einzelnen Mitarbeiter kämpfen. Doch die Wahrheit ist auch, dass 16 Prozent der Unternehmen bereits über den Winter Personal abbauen mussten. Hier zeigt sich die Zwillingskrise unseres Handwerks: Die Betriebe kämpfen im Hier und Jetzt mit aller Kraft erfolgreich darum, ihre Fachkräfte zu halten. Gleichzeitig entzieht uns der demografische Wandel im Hintergrund unaufhaltsam die Basis für die Zukunft. Wenn sich die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand verabschieden, nützt uns die aktuelle Stabilität wenig. Wir verwalten dann nur noch den Mangel, wenn jetzt keine radikale politische Kehrtwende bei der Wertschätzung der beruflichen Bildung erfolgt.“
Regionale Unterschiede: Stadt-Land-Gefälle in Südwestsachsen
Die regionalen Auswertungen zeigen ein gespaltenes Bild: Die positivsten Einschätzungen zur aktuellen Geschäftslage kommen aus dem Landkreis Zwickau mit 40,2 Prozent „gut“ und Mittelsachsen mit 37,5 Prozent „gut“. Das Schlusslicht bildet die Stadt Chemnitz, wo nur 28,9 Prozent der Betriebe ihre Lage als „gut“ bewerten. Bei den Zukunftsperspektiven dreht sich das Bild um: Die Chemnitzer Betriebe blicken am optimistischsten nach vorne, während der Landkreis Zwickau die pessimistischsten Erwartungen äußert.
Grund zur Zuversicht: Drei Säulen der Resilienz
Trotz aller Krisenszenarien blickt das südwestsächsische Handwerk mit klarem Zweckoptimismus nach vorn. Kammerpräsident Wagner benennt drei entscheidende Faktoren, die das Handwerk derzeit im Kern stark machen:
Unersetzbare Transformationskompetenz: „Ob Wärmewende, E-Mobilität oder energetische Sanierung – kein einziges klimapolitisches Ziel in Sachsen kann ohne die Hände unserer Handwerker umgesetzt werden. Unsere Auftragsbücher sind voll, weil wir gebraucht werden.“
Regionale Verbundenheit und kurze Wege: „In Zeiten gestörter globaler Lieferketten setzen Kunden und Industrie verstärkt auf die Verlässlichkeit regionaler Handwerkspartner direkt vor Ort. Das schafft Vertrauen und wirtschaftliche Resilienz.“
Renaissance der Qualität: „Trotz Kaufzurückhaltung sehen wir, dass Verbraucher bei langlebigen Gütern und Reparaturen ganz bewusst auf Handwerksqualität statt auf billige Importware setzen. Das Handwerk profitiert von einem neuen Bewusstsein für Nachhaltigkeit.“
Den kompletten Konjunkturbericht finden Sie als PDF zum Download hier.
