Es gilt das gesprochene Wort!
"Liebe Handwerkskolleginnen und Handwerkskollegen,
ich heiße Sie alle ganz herzlich zu unserer ersten Vollversammlung im Jahr 2026 willkommen, die erstmals seit 2019 auch wieder im Vogtland stattfindet. Wir wären sicherlich früher wieder hier in der südwestlichen Ecke unseres Kammerbezirks zu Gast gewesen. Aber durch die zwei Corona-Jahre 2020 und 2021, wo wir nur eine abgespeckte Version der Sommer-Vollversammlung durchführen konnten, hat sich das alles entsprechend verschoben, zumal wir ja jeden Landkreis auch entsprechend abdecken wollen. Eines lässt sich für die vergangenen sieben Jahre – nicht nur für das Vogtland – aber schon mal sagen: Es ist viel passiert und stetig kamen neue Herausforderungen auf das Handwerk zu:
- Angefangen bei der eben genannten Corona-Pandemie über
- eine Ampel-Regierung im Bund, die nach drei Jahren wieder im Streit ums Geld zerbrochen ist,
- dann der immer noch andauernde Krieg in der Ukraine,
- eine zweite Amtszeit eines US-Präsidenten, der die Welt sowohl politisch als auch wirtschaftlich in große Unsicherheiten stürzt und
- eben ganz aktuell aus diesem Handeln resultierend einen weiteren Krieg vom Zaun gebrochen hat, der uns vor allem beim Blick auf die Preistafeln an den Tankstellen Sorgen bereitet.
Aber es hat sich in dieser Zeit auch viel zum Positiven entwickelt:
- Die Zahl der neu eingetragenen Lehrverhältnisse ist um 8,9 Prozent gestiegen.
- Die Zahl der Meisterabschlüsse ist auch gestiegen, von 207 auf 240 – einen höheren Wert hatten wir zuletzt 2017.
Das sind zwar nur zwei Beispielwerte für eine positive Entwicklung, die aber durchaus Kennzahlen sind, um zu zeigen, wie sich das Handwerk dennoch entwickelt – gerade auch angesichts der eben genannten Ereignisse in Deutschland und der Welt. Natürlich muss man zur Wahrheit auch die Betriebszahlen heranziehen, die ein nicht so positives Bild hergeben: immerhin 1.228 weniger Betriebe.
Nichtsdestotrotz: Das Handwerk hat sich gut entwickelt. Das war aber keine Selbstverständlichkeit, sondern es ist zu allererst die unternehmerische Leistung. Es ist das Wirken von uns als Vollversammlung, zum Beispiel bei den Bildungs- oder Investitionsbeschlüssen in die Kammer-Infrastruktur. Und es ist auch das Hauptamt, das sich stets für eine positive Entwicklung des Handwerks einsetzt. Dass das alles nicht immer einfach ist, sollte Ihnen bekannt sein und ich berichte Ihnen eigentlich zu jeder Vollversammlung darüber.
Unternehmerisches Handeln und Engagement des selbstverwaltenden Handwerks sind daher das eine. Finanzielle und gesetzgeberische Leitplanken sind das andere. Diese braucht es, damit sich unser Handwerk positiv entwickeln kann. Und Sie ahnen schon, dass diese Leitplanken nicht immer vorhanden sind beziehungsweise es viel Zeit und Kraft kostet, diese als Handwerk mit zu gestalten und so zu lenken, dass sie weiterhelfen. Und wo werden diese Leitplanken gesetzt? In der Regel in Berlin und in Dresden. Und sind wir zufrieden mit diesen Leitplanken, die dort aktuell gesetzt werden? Ich selbst habe meine Schwierigkeiten, diese Frage richtig zu beantworten.
Auf der einen Seite: Es passiert was – zumindest in Dresden: Die zu Beginn durchaus auch von unserer Seite eher kritisch gesehene „Allianz für Sachsen“ hat zu einem Umdenken in der Staatsregierung geführt. Wenn sich Handwerkskammern, Handwerkstag, Industrie- und Handelskammern, die Vereinigung der sächsischen Wirtschaft, Landkreistag und Städte- und Gemeindetag zusammenfinden und eine konkrete Reformagenda einfordern, bekommt man tatsächlich Gehör bei der Staatsregierung und erhält konkrete Maßnahmen, zum Bürokratieabbau, zu verschlankten Verwaltungsstrukturen oder zu Personaleinsparungen in der Landesverwaltung.
Auch bei Wirtschaftsminister Panter scheint das Handwerk einen gewissen Stellenwert zu haben. Die Erhöhung des Meisterbonus kommt jetzt tatsächlich, wenn auch von einem SPD-Mann und nicht von jener CDU, die das Thema 2024 auf den Wahlplakaten noch beworben hatte. Außerdem unterstützt der Freistaat mit 11 Millionen Euro die Sanierung der Überbetrieblichen Ausbildungsstätten. Das reicht zwar bei weitem nicht aus, um den Investitionsbedarf zu decken. Allein wir haben für die Sanierung des Internats 29 Millionen Euro angemeldet. Aber es ist ein Zeichen, dass der Freistaat den Wert der beruflichen Bildung erkennt und fördert. Jetzt könnte man denken: Das klingt doch alles super beim Blick nach Dresden. Zwei Probleme gibt es dabei, und die sind entscheidend:
- Zum einen das Geld: Wir alle wissen, wie es um die Finanzlage des Freistaats bestellt ist. Dass sich die Situation in den kommenden Jahren – auch trotz Schuldenaufnahme – nicht wirklich nachhaltig verbessern wird, ist mit Blick auf Investitionen und Förderprogramme keine gute Aussicht.
- Zum anderen die fehlenden Mehrheiten der Staatsregierung: Das Experiment Minderheitenregierung geht nunmehr in sein zweites Jahr und wir müssen feststellen, dass das Finden von Mehrheiten für Gesetzentwürfe und Haushalte nicht einfach ist. Wir müssen auch feststellen beziehungsweise entsteht ein Stück weit der Eindruck, dass man eher auf Neues verzichtet, um so gar nicht erst in Diskussionen mit den Oppositionsparteien gehen zu müssen.
Angesichts dieser beiden Punkte ist es durchaus bemerkenswert, was die Staatsregierung gegenüber der sächsischen Wirtschaft und insbesondere auch dem sächsischen Handwerk ankündigt beziehungsweise auch öffentlich zusagt. Man scheint sich dabei sicher zu sein, wo erforderlich dann auch eine Mehrheit für die jeweilige Maßnahme zu bekommen. Auch das ist ein Zeichen, dass man den Ernst der Lage erkannt hat und erkennt, dass es Reformen braucht, die bekanntlich von Oppositionsseite immer schneller auf der Forderungsliste stehen.
Wenn ich vom „Ernst der Lage“ und Reformnotwendigkeit spreche, sind wir also in Sachsen zumindest einen ersten großen Schritt gegangen. Und im Bund?
Wenn es statt oder zusätzlich zum Unwort des Jahres (im Übrigen im Jahr 2025 der Begriff ‚Sondervermögen‘) auch eine Art Un-Wortgruppe des Jahres geben würde, ich hätte einen Vorschlag für 2025, vermutlich auch 2026 und nachfolgende Jahre: ‚Herbst der Reformen‘. Ich möchte ehrlich sein: Mit Amtsantritt der neuen Bundesregierung vor knapp 13 Monaten hatte man viele Erwartungen an diesen Herbst der Reformen geknüpft. Es sollten schnelle und tiefgreifende Reformen kommen, die der deutschen Wirtschaft wieder auf die Beine helfen, bei Steuern, bei Sozialem, bei Gesundheit, bei der Rente, bei Bürokratie. Es wurde Herbst und nichts passierte. Es wurde Winter und nichts passierte. Jetzt haben wir zumindest kalendarisch noch Frühling und außer einem eher unausgegorenen Entwurf zur Stabilisierung der Finanzausstattung der gesetzlichen Krankenkassen bleibt vieles offen oder noch schlimmer: Es wird im Streit zwischen CDU/CSU und SPD zerredet beziehungsweise es kommen Kompromisslösungen ans Tageslicht, die eigentlich niemandem helfen. Ja, für Reformen braucht es Mut und es braucht auch die Einsicht, dass diese nicht überall auf Gegenliebe stoßen werden. Jeder von uns, sowohl als Handwerker als auch als Privatperson, würde durch solche Reformen an der einen Stellen profitieren und an der anderen Stelle sicherlich Abstriche machen müssen. Sowas nennt man Kompromissbereitschaft und es liegt in der Natur solcher Maßnahmen. Aber letztlich zählt jetzt: Man muss den Reformschritt auch einmal wagen und dabei die parteipolitischen Scheuklappen ablegen. Ein Politiker hat immer auch den Blick auf die nächste Wahl. Das hilft in der gegenwärtigen Situation aber nicht weiter. Jetzt zählt Handeln und nicht Abwarten.
Zum Ende erlauben Sie mir bitte noch einen kurzen Blick auf die Ergebnisse unseren aktuellen Konjunkturumfrage: Wir hatten diese in der dazugehörigen Pressemitteilung unter anderem mit „Die aktuelle Lage ist hui, die Erwartung für die Zukunft bleibt pfui“ überschrieben. Das trifft es ganz gut und es spiegelt auch gut, dass die Betriebe sich mit Zukunftsprognosen zurückhalten, eben weil sie auf die Reformen warten. Natürlich spielt auch die Geopolitik eine Rolle – gerade mit Blick auf die Preise für Benzin, Diesel, Gas oder Heizöl. Aber innenpolitische Reformen könnten helfen.
Neben all dem kommt natürlich auch das bekannte Thema des Fach- und Arbeitskräftemangels im Handwerk hinzu. Zwar haben wir bei den Ausbildungszahlen wie bereits erwähnt eine sehr positive Entwicklung. Gleichzeitig führt die Demografie aber auch dazu, dass weit mehr Erwerbstätige sich in den Ruhestand verabschieden – egal ob Angestellter oder Betriebsinhaber – als nachfolgen. Umso wichtiger ist daher für die Zukunft die Stärkung des handwerklichen Bildungs- und Karrieresystems. Unter dieser Überschrift haben wir daher auch eine Resolution vorbereitet, die wir heute verabschieden können und mit der wir zeigen: Das Handwerk hat die etablierten Strukturen, um auch zukünftig mit gut ausgebildeten Fach- und Arbeitskräften jeglichen Herausforderungen zu begegnen. Diese Strukturen dürfen nicht geschwächt, sondern müssen eher noch ausgebaut beziehungsweise gestärkt werden. Das wäre ein entscheidender Baustein für eine weiterhin positive Entwicklung des Handwerks.
Wenn dann noch endlich von Seiten des Gesetzgebers die richtigen Weichen gestellt werden, können wir optimistisch in die Zukunft schauen.
Herzlichen Dank!"

