Herr Wagner, „Und täglich grüßt das Murmeltier“ ist der Titel eines Films, bei dem der Protagonist jeden Tag das gleiche erlebt. Eigentlich auch ein guter Titel für die Jahre seit 2020?
Das passt gut. Wir leben aktuell in einer Phase, wo sowohl auf die Gesellschaft als auch auf die Wirtschaft immer neue Herausforderungen zukommen, ohne Zeit zur Erholung. Sowas macht natürlich auch vor unserem Handwerk nicht Halt – und das alles trotz der Tatsache, dass das Handwerk naturgemäß eher regional verwurzelt ist und nur in Ausnahmefällen auf dem Weltmarkt agiert.
Woran liegt es dann, dass auch das Handwerk die Corona-Pandemie, den Ukraine-Krieg, den Bruch der Ampel-Koalition in Berlin, die Zollpolitik der US-Regierung oder den Irankrieg genauso spürt?
Es hängt doch schlicht alles miteinander zusammen: Wenn die Kunden weniger Geld in der Tasche haben, sparen sie überall, also auch bei handwerklichen Produkten. Anderes Beispiel: Wenn die Lieferketten reißen oder die Preise für Benzin, Diesel, Gas und Heizöl nach oben schießen, spüren das direkt auch die Betriebe, weil die eigenen Kosten immer weiter steigen oder Aufträge nicht in gewünschter Art und Weise erbracht werden können. Das ist eine alles umfassende Spirale, die zu wirtschaftlichen Problemen führt, die man nur schwer wieder lösen kann – zumal, wenn sich eine Krise an die nächste reiht.
Weil Sie es gerade ansprachen: Was halten Sie denn vom Tankrabatt?
Er ist eine kurzfristige Entlastung bei den Benzin- und Dieselpreisen, die wichtig ist, sowohl für die Betriebe und deren Fuhrpark als auch für die Mitarbeiter, die zur Arbeit pendeln. Wenn der aktuelle Konflikt im Nahen und Mittleren Osten tatsächlich zu einem Ende kommen sollte, werden hoffentlich auch die Preise an den Tankstellen wieder auf ein niedrigeres Niveau sinken. Nichtsdestotrotz ist die Wirtschaft weiterhin abhängig von fossilen Treibstoffen, was sich kurz- bis mittelfristig auch nicht ändern wird. Daher besteht immer eine Gefahr, dass die Preise wieder steigen. Und dann steht man wieder vor der Frage, ob und vor allem wie man Bürger und Betriebe entlasten kann.
Wie geht’s denn dem Handwerk im Kammerbezirk Chemnitz ganz konkret?
Auf den ersten Blick klingt das jetzt überraschend, ist aber das Ergebnis unserer Frühjahrskonjunkturumfrage: Die Betriebe bewerten die Lage als relativ gut. Blicken sie hingegen in die Zukunft, sieht es eher düster aus. Man muss dabei ergänzen, dass vor allem Bauhauptbetriebe und Ausbaugewerke hier die derzeitige Bilanz retten.
Wobei der Bau in letzter Zeit doch eher das Sorgenkind war.
Ja, hier ist eine deutlich bessere Auftragslage erkennbar, wobei wir nicht wissen, wie sich die geschilderten Krisen zukünftig noch auswirken. Gerade was Lieferketten angeht, kann hier schnell was ins Rutschen geraten, was ich nicht hoffe.
Wenn der Bau hilft, muss es ja andere Gewerke geben, denen der Schuh deutlich mehr drückt.
Beim Lebensmittelhandwerk geht es weder bergab noch bergauf. Die Krise der Industrie schlägt vor allem beim Handwerk für den gewerblichen Bedarf auf. Und der sparsame Kunde wird sich auch zweimal überlegen, ob er sein Geld aktuell bei Kunsthandwerkern oder den Gesundheitsgewerken ausgibt.
Mit Blick auf die Vorjahre hat sich also nicht wirklich grundlegend etwas geändert?
Nein. Zwar ändert sich die Betroffenheit einzelner Gewerke, siehe Bau. Aber grundsätzlich – und das hatten wir ja gleich zu Beginn – sieht die wirtschaftliche Lage allgemein nicht gut aus.
Aber was kann man tun?
Wir haben bei der Corona-Pandemie gelernt, dass zielgenaues politisches Handeln durchaus die Folgen eines solchen Ereignisses abschwächen kann. Nun hat man bei Corona vieles einfach mit Geld gelöst, was aufgrund dieser vollkommen unbekannten Situation eine Option war, was man aber wiederum auch nicht bei jeder Krise machen kann – zumal jetzt in den Haushalten von Bund, Land und Kommunen die Löcher noch größer sind.
Ich wiederhole und ergänze: Was kann man tun, wenn zusätzlich kein Geld da ist?
Es gibt erstmal kein Einnahmeproblem. Daher gilt: Wenn das vorhandene Geld nicht für alle Ausgaben, die man machen will, reicht, muss eben gespart werden. Damit das Sparen aber nicht unkoordiniert passiert, braucht es zielgenaue Anpassungen in den jeweiligen Bereichen – sogenannte Reformen.
Sie sprechen das Wort mit einem ironischen Unterton.
Weniger ironisch, sondern eher resignierend. Wir haben eine Bundesregierung, die seit Amtsantritt im Mai 2025 viel von Reformen gesprochen hat. Das vom Bundeskanzler genutzte Spiel mit den Jahreszeiten lasse ich mal außen vor. Man muss sich schon die Frage stellen, was in diesen 14 Monaten bezüglich solcher Reformen passiert ist?
Die Bundesgesundheitsministerin hat doch eine umfassende Reform der gesetzlichen Krankenversicherung vorgelegt.
Das stimmt. Aber da ist viel Stückwerk dabei, das an vielen Stellen wenig durchdacht wirkt und sowohl Versicherte als auch beispielsweise Leistungserbringer des Handwerks benachteiligt.
Abgesehen davon ist das Thema Gesundheitssystem ja nur ein Teil der Reformen. Was ist denn mit Rente, Steuern, Haushaltskonsolidierung, Arbeitsmarkt, Digitalisierung und Bürokratie oder mit Einsparungen durch Stellenabbau in der öffentlichen Verwaltung, der wiederum durch KI abgefedert werden kann? Statt scheibchenweise einzelne Reformschritte zu gehen, braucht es doch eigentlich ein aufeinander abgestimmtes Vorgehen. Es braucht einen Plan, was man will und dann schaut man sich die konkreten Stellschrauben an.
Und warum passiert das nicht?
Das dürfen Sie nicht mich fragen. Aber es ist doch absurd, wenn im Gesundheitssystem Geld fehlt und die regulären Beitragszahler beispielsweise mit ihren Beiträgen die Kosten für die Bürgergeldbezieher mitfinanzieren müssen. Das ist klar eine staatliche Aufgabe, die aber wiederum Geld kosten würde, das dann an anderer Stelle fehlt. Also muss man wiederum beim Steuersystem und beim Arbeitsmarkt schauen, was es dort für Anpassungsmöglichkeiten gibt.
Doch selbst beim Steuersystem und möglichen Reformen wird es nicht besser: Wer bei der Einkommenssteuer den Reichen- beziehungsweise Spitzensteuersatz erhöht, der belastet vor allem auch die Handwerksbetriebe, deren Inhaber als Personengesellschaften unter die Einkommensteuer fallen. Das wird den Verantwortlichen im Bund auch immer wieder erläutert, aber die Einsicht kommt nicht, obwohl man doch eigentlich mit alle den ganzen Reformen auch und vor allem die Wirtschaft stärken will. Den eine starke Wirtschaft sorgt letztlich auch für stärkere Steuereinnahmen.
Sie klingen resigniert?
Zwischen dem, was seit der letzten Bundestagswahl versprochen wurde, und dem, was gekommen ist, besteht ein riesiges Defizit. Und man muss es leider so klar sagen: Viel zu erwarten ist von der Bundesregierung aufgrund dieses Verlaufs nicht mehr – was aber wiederum eigentlich nicht sein darf.
Jetzt haben wir viel über die Bundespolitik gesprochen oder besser geschimpft. Wird Ihre Stimmung beim Blick nach Dresden besser?
In gewisser Weise schon. Die Staatsregierung ist immerhin sehr bemüht, der Wirtschaft unter die Arme zu greifen. Es soll tatsächlich Bürokratieabbau geben, die Verwaltung soll verschlankt werden, eine Erhöhung des Meisterbonus ist vorgesehen und für die Bildungszentren des Handwerks steigen die Fördermittel für Investitionen.
Das klingt doch alles sehr gut – gerade im Vergleich zur Bundesregierung.
Grundsätzlich ist das alles zu begrüßen und es zeigt, dass es nicht nur Chipindustrie und Automobilhersteller gibt, sondern dass das Handwerk für die Staatsregierung ein Wirtschaftsfaktor ist, den man unterstützen muss.
Aber…
Es gibt zwei Probleme in Sachsen: Zum einen fehlt der Staatsregierung bekanntlich eine parlamentarische Mehrheit und man ist bei allen Entscheidungen auf Stimmen der Opposition angewiesen – wobei ich denke, dass kaum eine Partei grundsätzlich etwas gegen eine Handwerks-freundliche Politik einzuwenden hat.
Und zum anderen – wenig überraschend – fehlt auch in Sachsen das Geld. War der aktuelle Haushalt schon auf Kante genäht, wird es bei den Etatplänen für 2027 und 2028 nicht besser, und das trotz der Möglichkeit zur Schuldenaufnahme. Die Folge wird sein, dass der Freistaat überall Einsparungen vornehmen wird und beim Handwerk wohl oder übel keine Ausnahmen gemacht werden können. Erste Signale gibt es und da müssen wir als Handwerkskammern deutlich machen, was geht und was nicht geht. Abstriche bei der beruflichen Bildung wären zum Beispiel nicht akzeptabel. Da spart man genau an der falschen Stelle.
Herr Wagner, können Sie die letzten sechs Monate des Handwerks in zwei Sätzen zusammenfassen?
Erstens: Das Handwerk stellt sich der Krise und ist sich bewusst, dass es auch zukünftig gebraucht wird. Und zweitens: Statt Ankündigungen brauchen wir konkrete Schritte, um aus der wirtschaftlichen Talsohle wieder herauszukommen.
Herzlichen Dank.

